Jan Dvorak
Über das Neue
Auftragskomposition der Stadt Hamburg

5. Juni 2009, Bergedorfer Markt, Hamburg
24. September, Kampnagel Halle K6, Hamburg


Als Charles Darwin die Evolutionstheorie aus der Wiege hob, hatte er außer einer umstürzenden biologischen Theorie auch eine Antwort auf die Frage gegeben, wie das Neue auf die Welt kommt. Seine Antwort: Das Neue entsteht ständig und unbemerkt durch kleine, zufällige Abweichung vom Bestehenden. Bewährt es sich, wird aus der Abweichung vielleicht der Beginn eines neuen Weges.

Das Modell dieser unablässigen Erneuerung durch den „kreativen” Zufall gilt aber nicht nur für die DNS in unseren Zellen. Es bestimmt genauso die Erzeugung neuer Verhaltenweisen, Moden, Gedanken, Religionen oder Gesellschaftsmodelle. Jeder Mensch ist insofern eine Weggabelung mit einem breiten, planierten Weg in üblicher Richtung und einem Trampelpfad aufwärts ins Unbekannte.

In der Leseoper „Über das Neue” sollen einige solcher Trampelpfade getestet, beschworen und beschrieen werden. 800 Schüler von der fünften Klasse bis zur Oberstufe verwandeln sich für die Dauer einer halben Stunde in einen riesigen Resonanzraum, der vom Unbekannten tönt. Texte, Geräusche, Aktionen und Gesten werden zu einer Komposition verwoben, die zeitliche, räumliche und akustische Mittel benutzt. Diese Elemente werden in einem gemeinsamen Prozess vom Komponisten mit den Lehrern und Schülern bestimmt und erfunden: Die Texte stammen aus dem Bereich der Naturwissenschaften, der Poesie, der Theorie, der Popmusik verschiedener Sprachen. Hinzu treten kollektiv erzeugte Klänge, die mit dem Mund, den Händen oder einfachen Hilfsmitteln wie Pfeifen, Trommeln oder Glasflaschen erzeugt werden können. Alle Schülergruppen bewegen sich zudem auf definierten Wegen durch die Stadt. Und auch die Stadt wird auf diese Anrufung antworten, indem sie Kirchenglocken und Sirenen ertönen lässt.

Organisiert wird dieses Durcheinander durch eine Partitur in „Space Notation”-Technik, also durch ein System von Zeiträumen, in denen die Aktionen geschehen sollen. Die Lehrer als Vermittler des Alten und Hebammen des Neuen bändigen mit Stoppuhren in der Hand das Chaos.

Dem Hörer und Zuschauer bieten sich – je nachdem, ob und wo er steht oder geht – jeweils unterschiedliche Hörperspektiven. Eine musikalisch-theatralische Ebene eröffnet sich, die von zarten Klangflächen bis zu Tumult und Radau reicht. Ist das ganze nun eher Neue Musik oder eine Abart der Bundesjugendspiele? Ein gebändigtes Chaos oder eine chaotische Ordnung? „Über das Neue” soll in dem Kaleidoskop der Klänge den Ursprung aufscheinen lassen von dem, was wir noch nicht kennen.
 

Presse

„Da klappten Bücher, schepperte Kochgeschirr, klirrte Glas, erklangen Instrumente, Stimmen und Schreie.”                         BERGEDORFER ANZEIGER