Die klassische Musiktradition ist seit Jahrzehnten ein Pflegefall. Unzählige Male wird jedes Meisterwerk im Jahr von der einen zur anderen Seite gewendet, damit es nicht wundliegt. Das Leiden bleibt aber immer das selbe. Damit man das Werk nicht zu Tode pflegt, braucht man nämlich auch die rechten Methoden. Um herauszufinden, ob unser Interesse am Freischütz mehr als ein ärztliches Interesse ist, mußten wir bis auf den dramatischen Kern eines Konfliktes vorstoßen, der das Werk auch musikalisch definiert: Max, der Rebell, das Opfer, umgeben von einer Welt schmetternder Jäger, lehnt sich ja in seinen zerklüfteten Arien und Rezitativen nicht nur gegen die Ungerechtigkeit seines Schicksals auf. Er zerreißt sich auch zwischen einer Musik, die authentischen Ausdruck nur in unverbrauchten, randständigen Klangwelten findet, und den naiven Gesängen einer synthetischen Volkstümlichkeit, die die herrschenden Umstände als gottgegeben feiert. Ein Max, der heute rebelliert, muß deshalb gegen den ganzen Freischütz rebellieren - er braucht eine andere Musik, die mit geistlos monotonen oder unvermittelt schroffen Klängen und unrunden, treibenden Rhythmen gegen das Original opponiert, sich ihm anbiedert, es zerstört. Diese Musik haben wir unserem Freischütz implantiert. Ausgeführt von einem elfköpfigen Orchester, erklingt sie neben elektronisch bearbeiteten Zuspielungen in unterschiedlichen Kombinationen mit dem Klavierauszug des Originals. Die Collage der verschiedenen Elemente bildet ein neues Stück, das dennoch das alte ist.
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